Über Resilienz und Unsicherheiten in der Baubranche
ein Fachgespräch mit Heather Polinsky, CEO von Arcadis
Resilienz bildet aktuell einen essenziellen Grundpfeiler der Bauindustrie, insbesondere angesichts der zunehmenden Marktvolatilität und der Unwägbarkeiten einer globalisierten Zukunft. Im Dialog mit Heather Polinsky, der designierten CEO des international tätigen Ingenieur-, Planungs- und Beratungsunternehmens Arcadis, analysieren wir ihre Perspektive auf die steigende Komplexität der Branche. Sie erläutert, mit welchen Unsicherheiten Bauunternehmen konfrontiert sind und wie Führungskräfte zwischen verschiedenen Handlungsoptionen und strategischen Weichenstellungen abwägen.
Heather Polinsky gestaltet seit über 27 Jahren die Entwicklung von Arcadis maßgeblich mit und bekleidete zahlreiche Leitungsfunktionen – zuletzt als Global President of Resilience & Mobility. In dieser Rolle steuerte sie ein interdisziplinäres Team von mehr als 18.000 Fachkräften und setzte entscheidende Impulse für nachhaltige Transformation und Wachstum. Ihre ausgewiesene Kompetenz in der Steuerung komplexer Projektportfolios unter dynamischen Marktbedingungen verleiht ihr einen besonderen Blick auf die Anforderungen an Resilienz und das Management von Unsicherheiten in der Bauwirtschaft.
Warum gewinnt Resilienz in der Bauindustrie zunehmend an Bedeutung?
Die Bauwirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, der sich dynamischer vollzieht als je zuvor. Branchenspezifische Risiken verzahnen sich zunehmend mit weitreichenden wirtschaftlichen, politischen und globalen Entwicklungen und schaffen ein komplexes Geflecht an Herausforderungen, das jedes Bauunternehmen bewältigen muss.
Heather Polinsky hebt hervor: „Wir erleben geopolitische Unsicherheiten, fragmentierte Lieferketten und die daraus resultierenden Risiken, Engpässe in der Netzinfrastruktur, den fortschreitenden Digitalisierungsprozess sowie die Auswirkungen des Klimawandels. Hinzu kommt eine dynamische Entwicklung regulatorischer Vorgaben.“
In diesem Kontext ist Resilienz keineswegs auf einzelne Fachbereiche oder Disziplinen beschränkt. Finanzielle Belastungen, technologische Innovationen oder Herausforderungen im Personalmanagement treten selten isoliert auf. Für viele Bauunternehmen manifestiert sich Resilienz in den zahllosen Entscheidungen des Alltags – sowohl auf der Baustelle als auch im Büro –, bei denen Projektsteuerung, Kostenmanagement und Ressourcenplanung darüber entscheiden, ob Unsicherheiten abgefedert oder verstärkt werden.
„Ist ein Bereich der Organisation – sei es finanziell, technologisch oder personell – nicht ausreichend robust, wirkt sich dies unmittelbar auf das gesamte Unternehmen aus“, so Heather weiter. Resilienz erfordert daher operative Exzellenz und eine konsequente Ausrichtung der Unternehmenskultur, keine punktuellen Einzelmaßnahmen. Sie ist keine kurzfristige Lösung, sondern ein kontinuierlicher Prozess: „Resilienz entsteht über die Zeit, sie ist wie ein Muskel, der trainiert werden muss.“
Unsicherheiten waren im Bauwesen stets präsent. Neu ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der sie sich ausbreiten, ihre gegenseitige Vernetzung und ihre beständige Präsenz. Ein einzelnes Risiko kann schnell eine Kettenreaktion auslösen und Auswirkungen auf Projektrealisierung, Kostenstruktur, Fachkräftebindung und Unternehmensreputation haben.
Wie sollte die Baubranche Resilienz strategisch begreifen?
„Viele Entscheidungsträger in der Branche verwechseln Resilienz mit umfassender Kontrolle. Doch angesichts einer fortwährenden Unsicherheitslage ist Kontrolle lediglich eine scheinbare Sicherheit. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob volatile Entwicklungen eintreten werden, sondern wann – und inwiefern die Organisation darauf vorbereitet ist und über die nötige Flexibilität verfügt, rasch und effektiv zu reagieren.“
Das verdeutlicht, dass Bauverantwortliche ihre Herangehensweise neu justieren müssen: Resilienz sollte als langfristiger Prozess verstanden werden, der weit über kurzfristige, reaktive Maßnahmen hinausgeht. Heather Polinsky betont: „Die größte Herausforderung ist die Selbstzufriedenheit – das Ausbleiben proaktiver Anpassungen oder die isolierte Betrachtung einzelner Risiken, statt zu antizipieren, wie verschiedene Unsicherheiten simultan und systemisch wirken.“
Da viele Unternehmen Resilienz weiterhin primär als Schutzmechanismus begreifen, ist ein Perspektivwechsel erforderlich. Heather Polinsky sieht Resilienz als strategisches Instrument: „Resilienz befähigt Organisationen, auch unter erhöhtem Druck die Qualität ihrer Entscheidungen zu sichern und die Leistungsfähigkeit zu bewahren – insbesondere in Phasen zunehmender Unsicherheit.“
Die Herausforderung: langfristige Strategie und kurzfristige Risiken in Einklang bringen
Die Herausforderung, eine zukunftsorientierte Projektentwicklung mit der Sicherstellung kurzfristiger Wirtschaftlichkeit und Projekterfolge zu vereinen, zählt zu den Kernkompetenzen der Bauwirtschaft. Angesichts der aktuellen Dynamik und Unsicherheiten fällt es Unternehmen zunehmend schwer, operative Realitäten mit strategischer Weitsicht zu verknüpfen. Wie gelingt es, diesen Spagat erfolgreich zu meistern und dabei die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens nachhaltig auszubauen?
Heather verdeutlicht: „So einfach es auch erscheinen mag – die größte Herausforderung liegt häufig in einer fehlerhaften Risikoanalyse. Es ist verlockend, vorschnelle Schlüsse zu ziehen oder sich auf scheinbar naheliegende Lösungen zu verlassen, anstatt die Wechselwirkungen zwischen kurzfristigen und langfristigen Faktoren umfassend zu erfassen. In der Praxis zeigt sich dies oftmals durch eine verspätete Transparenz über Kosten, Kapazitäten oder Terminlagen – also genau dann, wenn Handlungsoptionen bereits eingeschränkt sind und Risiken nur noch schwer steuerbar werden.“
Aus Sicht von Heather und Arcadis ist der Schlüssel, sowohl Risiken aktiv zu steuern als auch Resilienz zukunftsfähig auszubauen, die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle, die Offenheit für innovative Ansätze sowie die Auswahl geeigneter Bautechnologien. Diese Faktoren fördern eine produktivere und stärker vernetzte Zusammenarbeit, was wiederum hilft, kurzfristige und langfristige Anforderungen gleichermaßen strukturiert und konsequent zu adressieren.
„Portfoliodiversifikation und organisatorische Agilität sind dabei essenziell“, ergänzt Heather. „Wenn sich Markttrends verschieben, ist Resilienz gleichbedeutend mit der Fähigkeit, Führung, Talente und Investitionen rasch und gezielt neu auszurichten – ohne die operative Disziplin aus den Augen zu verlieren. Moderne Technologien beschleunigen Entscheidungsprozesse – vorausgesetzt, sie liefern den Projektteams belastbare und konsistente Analysen zu Terminierung, Kostenstruktur und Leistungskennzahlen und unterstützen so eine disziplinierte Projektabwicklung.“
Welche zusätzlichen Risiken entstehen beim Bemühen, die Resilienz von Bauunternehmen zu stärken?
Neben finanziellen Risiken stehen Bauunternehmen vor drei maßgeblichen Herausforderungen: der Sicherstellung ausreichender Fachkräftekapazität, dem Zugang zu belastbaren und vertrauenswürdigen Daten sowie der Bewältigung der Energieanforderungen einer zunehmend digitalisierten Bauindustrie. Heather betont, dass diese Aspekte weniger technische oder ressourcenbezogene Probleme darstellen, sondern vielmehr als Führungsaufgaben zu verstehen sind. Sie erläutert: „Die wirtschaftlichen Kräfte transformieren die Branche bereits grundlegend. Es geht nicht länger darum, den idealen Prozess zu perfektionieren, sondern darum, mit Disziplin und fundierten Erkenntnissen Fortschritte zu erzielen. Der Fokus liegt auf kontinuierlicher Entwicklung statt auf Perfektion.“
„Unternehmen, die frühzeitig wegweisende Entscheidungen treffen und tragfähige Alternativen schaffen, sind diejenigen, die sich in unsicheren Zeiten behaupten können. Resilienz entsteht nicht durch verstärktes Recruiting, sondern durch die Neugestaltung der Arbeitsorganisation und den gezielten Umgang mit Wissen – dessen Nutzung, Sicherung und Skalierung, bevor es die Organisation verlässt.“
Digitale Lösungen entfalten ihren Mehrwert, wenn sie Entscheidungsprozesse vorverlagern, die Planungssicherheit erhöhen und Nacharbeiten minimieren. Insbesondere bei komplexen Bauprojekten, in denen späte Änderungen und Schnittstellenrisiken die Profitabilität gefährden, macht sich dieser Vorteil bemerkbar.
Das Ziel besteht nicht darin, eine Vielzahl neuer Tools einzuführen, sondern darin, bessere Entscheidungen zu ermöglichen – frühzeitig und mit klar definierten Verantwortlichkeiten. Dies stärkt sowohl die Leistungsfähigkeit als auch die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens.
Der Aufbau von Resilienz erfordert weit mehr als eine bloße Absichtserklärung. Er verlangt nach einer strukturierten digitalen Infrastruktur, die Datenmanagement, Terminplanung und Kostenkontrolle integriert und damit frühzeitige Entscheidungen, klare Verantwortlichkeiten und verlässliche Projektergebnisse ermöglicht.
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